Rezension

Reading: „Nathalie küsst“ von David Foenkinos

Literaturverfilmungen sind ja so eine Sache, da man sich beim Lesen eine Fantasiewelt erschafft, mit der ein Film oft nicht mithalten kann. Intermedialität und so, würde meine Professorin jetzt sagen und dass man ein Buch niemals in einen Film übersetzen kann, weil es einfach grundsätzlich andere Medien sind. Zu „Nathalie küsst“ habe ich den Film (noch?) nicht gesehen, doch in diesem Fall kann die Verfilmung das Werk fast nur toppen, Audrey Tautou sei Dank?

Nathalie küsst (Front-Cover)

 Denn mich konnte der Roman von David Foenkinos nicht überzeugen, im Gegenteil. Erwartet hatte ich einen schönen Liebesroman a lá Marc Levy, bekommen habe ich eine verschwurbelte und letztlich doch vorhersehbare Liebesgeschichte. Vorhersehbar, da das Schema gleich bleibt: Frau verliert tragisch ihren idealen Partner, trauert, wird von ihrem alten und verheirateten Chef bedrängt. Letztlich findet sie aber einen neuen Partner, mit dem man nie gerechnet hätte, und die Geschichte nimmt ein gutes Ende. Das kann man gut schreiben und man kann es schreiben wie David Foenkinos: kompliziert und in der ersten Hälfte sehr, sehr langatmig.

Der Klappentext sagt folgendes:

Nathalie und François sind ein Paar wie aus dem Märchenbuch, mit Feingefühl und Geschmack. Doch eines Tages kommt François nicht vom Joggen zurück, eine Blumenhändlerin überfährt ihn. Die schöne Nathalie muss fortan allein durchs Leben gehen, sich der Neugier der Kollegen und der Avancen ihres Chefs Charles in der schwedischen Firma, in der sie als leitende Angestellte arbeitsbesessen über der Akte 114 brütet, erwehren. Als der unscheinbare Quotenschwede Markus ihr Büro betritt, packt sie ihn unvermittelt und küsst ihn. Markus, konsterniert, geht aufs Ganze, eine Liebesgeschichte beginnt, wie sie purer, zärtlicher und empfindsamer nicht sein kann. Während in der Firma die Gerüchteküche brodelt und Charles zu brutalen Maßnahmen greift, begeben sich Nathalie und Markus auf die Flucht in den Garten der Großmutter, zurück zu den Ursprüngen von Kindheit und der gemeinsamen Lieblingssüßigkeit PEZ – und lassen sich von der Liebe überraschen.

Kurz: Bei mir blieb die Überraschung aus.

Anfangs noch angetan war ich von den zahlreichen Einschüben, die Details nahebringen.Beispielsweise verabschiedende Sätze des inzwischen verstorbenen Mannes von Nathalie oder Drehbuchszenen, später Nathalies Vorspeisenwahl beim Mittagessen mit Markus. Ja, wirklich. Und das sind Informationen, die manche interessant finden mögen – ich aber nicht. Mit viel gutem Willen kann man das als Augenzwinkern verstehen, als humorvollen Wink – muss man aber nicht. Genauso irritiert war ich von der Sprachwahl Foenkinos:

  • Da fiel ihm [Charles, dem Chef] ein, dass es etwas Schlimmeres gab, als von einer geliebten Frau abgewiesen zu werden: ihr jeden Tag begegnen zu müssen. Immer in ihrer Nähe zu sein, auf den Gängen auf sie zu stoßen. Auf die Gänge kam er nicht zufällig. Er fand sie schön, wenn sie sich in Büros aufhielt, doch er war immer der Ansicht gewesen, dass sich ihr erotisches Potenzial auf Gängen kräftiger entfaltete. Genau, seiner Meinung nach war sie eine Frau, die auf einen Gang gehörte.
  • Seit ihrer Beförderung leitete Nathalie ein Team, das sich aus sechs Leuten zusammensetzte.“ [Sternchen, das auf das Seitenende verweist:] „In ihrer neuen Funktion hatte sie sich drei Paar Schuhe gekauft.“ – das habe ich nicht aus dem Zusammenhang gerissen, es gibt keinen!
  • Dieser Kuss war ein großer Schritt für die Menschheit. […] Mit diesem Kuss hatten ihre Neuronen eine jähe anarchische Kundgebung abgehalten, dieser Kuss war ein grundloser, unmotivierter Akt.“ Wohlbemerkt der Kuss, der dem Buch den Titel gibt: Nathalie küsst Markus, unvermittelt und „unmotiviert“.
  • Einer der besagten Einschübe: „Nathalies Vorspeisenwahl beim Mittagessen mit Markus: Tagessuppe“ [Sternchen, das auf das Seitenende verweist:] „Detaillierte Informationen bezüglich der genauen Beschaffenheit dieser Suppe konnten leider nicht eingeholt werden.
Mein Fazit …

… ist also ernüchternd: ein belangloser Roman, der erst auf den letzten Seiten an Spannung gewinnt und wirklich interessant wird. Leider, denn die Geschichte hat eigentlich Potential. Und eigentlich kann David Foenkinos auch ganz gut schreiben, würde er manch komische Wendungen und Einschübe einfach weglassen.

Lesen konnte ich „Nathalie küsst“ dank Blogg-dein-Buch (wovon ich auch das Bild habe) und dem C.H.Beck-Verlag. Falls ihr euch eine eigene Meinung von David Foenkinos jetzt verfilmten Roman machen wollt, findet ihr das Buch hier. Wer den Film sehen möchte:

PS: Eine inspirierende Stelle habe ich jedoch auch gefunden, gleich auf den ersten Seiten: „Sich nicht gehen lassen, was für ein komischer Ausdruck. Was immer auch geschieht, man lässt sich gehen. Leben bedeutet: sich gehen lassen.“ Das nächste Mal bitte mehr davon.

 

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Ein Kommentar

  • Antworten
    tobi
    23. Mai 2012 um 21:00

    dankeee 🙂
    das freut mich, dass dir die bilder und inszenierungen so gut gefallen 🙂

    den trailer des films hab ich schon gesehen, aber ist denke ich für mich nichts.. entweder wirklich traurig und melancholisch oder actiongeladen! 🙂

  • Ich freue mich über Feedback <3